Wirtschaft – Der Zins

Der Zins und dessen Abschaffung

„Zins aber ist Geld gezeugt von Geld. Daher ist auch diese Form von Erwerb am meisten wider die Natur … Das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden.“ (Aristoteles)

Hitzige Diskussionen

Nicht erst seit Aristoteles und seinem Werk „Politik“ gibt es hitzige philosophische, ökonomische und religiös/weltanschauliche Diskussionen zum Thema „Zins“. In der Neuzeit läuft es häufig auf den Überzeugungskampf von Anhängern der Theorien von Keynes gegen Hayek hinaus, oder auch Sozialismus gegen Kapitalismus.

Zins ist jedoch ein zentrales Thema in der ganzen Bandbreite ökonomischer Theorien und in der Praxis. Diese Form der Zahlung für geborgtes Kapital gibt es in der einen oder anderen Form seit Menschengedenken – schon lange bevor es die Diskussion über die Abschaffung des Zinses oder die Begriffe Markt- und Planwirtschaft gab (vgl. Kasten „Was die Ökonomen sagen). In der Regel wird dabei implizit der Nominalzins als „der“ Zins angesehen, seltener der Realzins, also nach der Bereinigung um Kaufkraftverluste mit Hilfe einer Preissteigerungsrate. Bedeutend wird das Konzept des Realzinses in Zeiten niedriger Nominalzinsen – wie aktuell im Rahmen der Finanziellen Repression – und/oder in Zeiten hoher Geldentwertung.

Was die Ökonomen sagen

John Maynard Keynes beschreibt in seiner „General Theory of Employment, Interest and Money“ detailliert das Verhältnis von Zins zu Geld: Er definiert den Zins als die Differenz zwischen dem Spot-Preis für Geld (per heute) und dem Futures-Preis für Geld (also zu einem Termin in der Zukunft). In seinem „Treatise on Money“ wird der Zins unter der Zeitpräferenz der Wirtschaftssubjekte zur Liquiditätspräferenz eingeengt. Der Zins bringt Gegenwarts- und Zukunftskonsum  ins Gleichgewicht. 

Ähnlich dachte Alfred Marshall in „Principles of Economics“: Der Zins sei der Preis für den Gebrauch von Kapital in jedem Markt. Arthur Cecil Pigou legt sich in „Industrial Fluctuations“ auf den Zins als das Regulativ zwischen Angebot und Nachfrage von bzw. nach jenem realen Kapital fest, das außerhalb der Kontrolle von Zentral- oder Geschäftsbanken steht. David Ricardo sieht in „Principles of Political Economy“ die Zinshöhe durch die Profitrate des Kapitaleinsatzes reguliert.

Eine weitere Autorität  ist Ludwig von Mises. In seiner „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“, später auch von Friedrich August von Hayek und Lionel Robbins zum Großteil übernommen, betrachtet er Zinsveränderungen als Teil jenes marktlichen Entdeckungsprozesses und Regelkreises, der auch zu relativen Preisveränderungen zwischen Konsum- und Kapitalgütern führt.

Bereits vor gut 140 Jahren erklärte Carl Menger in seinen „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre“ die Aufteilung des Zinses in den Kapitalzins, die Bodenrente als Grundzins und in den Arbeitslohn. Zins sei die Entschädigung für die Enthaltsamkeit des Kapitalbesitzes und damit ein Tausch eines ökonomischen Gutes gegen ein anderes.

Ohnehin hatte die Österreichische Schule ihre eigenen Erklärungen für die Zinstheorie entwickelt. Eugen von Böhm-Bawerk bezeichnete vor über 100 Jahren den Zins als Gegenwartspräferenz – Zins als Preis für die hypothetische Verschiebung des Konsums, nicht als Preis des Geldes. Weiterhin sei der Zins eine Vergütung eines Produktivitätszuwachses bei einer sinnvollen Investition.

Die Ethik von Zins und Zinseszins

Einzelne Nationalökonomen, wie Menger, stellten sich die Frage nach der moralischen Berechtigung des Zinses. Eine Frage, der sich die großen Religionen – Christentum, Judentum und Islam – schon lange zuvor gestellt hatten. Auswüchse, wie der sich immer wieder zeigende Wucher – also die Übervorteilung eines schwachen Vertragspartners – war oft mit Sanktionen behaftet.

Entscheidend für das Grundverständnis des Zinses ist der Zinseszins. Dieser „Compound Interest“ als Zins auf den Zins wächst nämlich nicht linear, sondern exponentiell. Historisch gesehen wurden schon im Altertum, beispielsweise in Mesopotamien, in der griechischen Antike oder etwa im Römischen Reich maximale Zinssätze festgelegt. Alles was darüber hinaus ging galt als Wucher und wurde gesetzlich geahndet. Dies spiegelt sich auch in verschiedenen religiösen Restriktionen wider. Interessant in diesem Zusammenhang ist zum Beispiel die „VIX PERVENIT“, ein belehrendes Rundschreiben von Papst Benedikt XIV aus dem Jahre 1745: Demnach durfte die Summe aller Zinsen nicht größer sein als der Darlehensbetrag.

 „Josephspfennig und Weizenkornlegende“

Berühmte Gedankenexperimente zur Dynamik und letztlich Sprengkraft des Zinseszins-Effekts sind der Josephspfennig oder die Weizenkornlegende aus Indien. Ein Pfennig angelegt bei der Geburt Jesu entspräche heute – je nach Zins und ohne Steuern – vielen Millionen oder Milliarden Erdkugeln aus purem Gold. Bei der indischen Weizenkornlegende wird auf einem Schachbrett die Zahl der Reiskörner von Feld zu Feld jeweils verdoppelt. Was harmlos mit einem Korn anfängt, endet auf dem 64sten Feld mit 1.500 Jahresernten. So eindrucksvoll diese Gedankenexperimente gegen den Zinseszins sind, vernachlässigen sie oft das Naheliegende: Abgesehen von Besteuerung und Geldentwertung gibt es in der realen Welt schlicht keinen Schuldner, der nicht unter der wachsenden Last zusammenbrechen würde. Damit wird das Problem des exponentiellen Wachstums auf elegante Weise „gelöst“. Der mögliche Ausfall des Schuldners ist integraler Bestandteil und notwendiges Korrektiv solcher exponentieller Schuldbeziehungen. Eine „Rettung“ des Schuldners, vor allem aber des Gläubigers durch externe Eingriffe ist daher grundsätzlich verfehlt und nur mit beliebig vermehrbarem „Fiat Money“ überhaupt darstellbar. 

Zins und Religion

Ein jüdisch-christliches und auch im Koran verankertes Zinsverbot über den Großteil der Menschheitsgeschichte wird heute negiert. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist „RIBA“ – das arabische Wort im islamischen Recht, der Schari’a, zur Erhebung und zur Auszahlung von Zinsen. So ist es Muslimen nach dem Koran nicht erlaubt, Zinsen zu nehmen oder zu zahlen – ein unumstößliches Zinsverbot im islamischen Wirtschaftsrecht. In der jüdischen Religion gibt es ein Zinsverbot an Gleichgläubige. Im Alten Testament ist neben dem Zinsverbot das Erlassjahr festgelegt, wonach in jedem siebten Jahr alle Schulden erlassen werden. Nach 50 Jahren fiel auch Grundbesitz wieder an die ursprünglichen Eigentümer zurück. Im Neuen Testament (Bergpredigt) ist ebenfalls die christliche Botschaft des Zinsverbotes enthalten, dessen Verletzung bis in die Brakteatenzeit hart verfolgt wurde, in der katholischen Kirche bis in die Neuzeit.

Rechtliche Definition

In Deutschland wird der Zins durch das BGB und Urteile des BGH definiert. Zins ist abhängig von der Laufzeit, nicht jedoch von Gewinn und Umsatz. Er wird in Geld bemessen als Vergütung für die Möglichkeit des Kapitalgebrauchs. Die Vereinbarung des Zinses unterliegt generell der Vertragsfreiheit. Der Zins als Entgelt für vom Gläubiger an einen Schuldner überlassenes Kapital wird meist durch Gesetze oder Verträge geregelt. Die Höhe des Zinses in einer Marktwirtschaft wird üblicherweise durch Angebot und Nachfrage geregelt.

Zinstheoretische Erwägungen

Nach der Zinstheorie ist der Zins eine Vergütung für zur Verfügung gestelltes Sach- oder Finanzanlagevermögen, eine Risikoprämie, ein Schadenersatz, aufgrund des Inflationsausgleiches oder Kaufkraftverlustes oder wegen eines Konsumverzichts. In der neoklassischen Wirtschaftstheorie ist der Zins ein Allokationsmechanismus für Vermögensgegenstände und somit ein Knappheitsindikator. Es gibt diverse andere Zinstheorien wie die Enthaltsamkeitstheorie, die Bodenfruchtbarkeitstheorie, die Grenzproduktivitätstheorie oder die Urzinstheorie von Silvio Gesell.

Freigeld ohne Praxisbezug

Die„Geld-Mehrwerttheorie“ hat Gesell in seinem Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ vor gut 100 Jahren festgehalten. Ein solches Geld ohne „Mehrwertentlastung“ der Marktwirtschaft von monetären Transaktionskosten – als Weiterentwicklung der Ideen Gesells – ist aber nicht so leicht möglich. Da müsste neben dem „Freigeld“ auch das „Freiland“ umgesetzt werden, da es sonst immer Arbitragemöglichkeiten gibt. Theoretisch korrekt, aber praktisch nicht umsetzbar, da für „Freigeld“ eine grundlegende Umstrukturierung von Eigentumsrechten nötig wäre.

Die Ideen von Gesell werden heute in einigen alternativen Währungen praktiziert. Diese Regionalwährungen unterliegen in der Regel einer schnelleren Umlaufgeschwindigkeit, da der Geldbesitz und das Horten mit einer Strafzahlung belegt sind, der sogenannten Demurrage – einer Verfallsgebühr für umlaufgesichertes Geld. Die Anhänger Gesells sehen einen zinsbedingten Wirtschaftswachstumszwang, den es abzuschaffen gelte. Ob fließendes Geld mit Strafzinsen der Weisheit letzter Schluss ist, konnte bisher selbst in räumlich und zeitlich eng umgrenzten „Versuchslaboren“ wie im österreichischen Wörgl oder beim „Chiemgauer“ nicht empirisch bestätigt werden.

Österreichische „Kapitalismuskritik“

Interessanterweise widmet von Mises als ein Vordenker der Österreichischen Schule in seinem Buch „The Causes of the Economic Crisis“ das Abschlusskapitel ausführlich der Kapitalismuskritik: „Die Handelszyklen und das Kreditwachstum sowie die ökonomischen Konsequenzen von billigem Geld“ als Essenz beschreiben die Unpopularität des Zinses, die Brechung der Zinsknechtschaft bei den Bolschewiken und den Nazis. Von Solon in der griechischen Antike bis vor einigen Jahrhunderten war es korrekt, dass die Reichen die Gläubiger und die Armen die Schuldner waren. Im Zeitalter von Anleihen, Sparkonten, Lebensversicherungen und Sozialversicherung hat sich mit dem Zinsanker diese Tatsache verdreht: Heute ist laut von Mises die Masse Gläubiger und schadet sich mit billigem Geld selbst.

Finanzkredit vs. Warenkredit

Das billige Geld und die heutige De-facto-Abschaffung des Zinses (zumindest für Guthaben der Nichtbanken) wirft die nächste Frage auf: Warenkredit oder Finanzkredit? Diese Aufteilung basiert eigentlich auf einem Briefwechsel des Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon mit Frédéric Bastiat im Jahr 1849: Durch die Kreditexpansion werden allgemein höhere Preise hervorgerufen. Damals wurde die Unterscheidung zwischen  Warenkredit („Commodity Credit“) und  Finanzkredit („Circulation Credit“) geboren. Beim Warenkredit stehen Sparen, Konsumverzicht und Investition in einem eindeutigen Zusammenhang. Der Finanzkredit hingegen kreiert Inflation, weil er Geld aus dem Nichts schöpft. Nur die Kreditgewährung gegen Produktivitätsgewinn reguliert das Güterangebot und die Preise. Zum großen Erstaunen der Anhänger der „Austrian School“ kommt von Mises in seinem Kapitel „Die zwei Klassen der Kredite“ auf genau das gleiche Ergebnis wie seine linken Mitdenker gut 100 Jahre zuvor. Der Zusammenhang von Zins und Inflation wird also im Kern weder von Sozialisten noch von Kapitalisten bestritten. Es kommt nur auf die Differenzierung der Kreditschöpfung und der Produktivitätssteigerung an.

Triebfeder von Inflation und Krise

Dies ist auch unser heutiges Problem: Es gibt im weltweiten Fiat-Money- und Teilreservebank-System zu viel Kreditschöpfung von Geschäftsbanken, die aus dem Nichts geboren ist und als Finanzkredit mit den daraus resultierenden Zinsen die Kaufkraftverluste produziert. Das ist auch die wesentliche Ursache der Finanzkrise. Dagegen gibt es zu wenig Warenkredite, die aus Sparguthaben und Konsumverzicht generiert werden. Das ist auch leicht im Bankensystem zu erklären. Früher gab es persönlich haftende Banker was in entsprechenden (Eigen-)Kapitalrestriktionen resultierte. Die Auflösung dieses Regulativs ist exemplarisch bei Goldman Sachs erkennbar –  von der persönlich haftenden Partnerstruktur zum anonymen und gehebelten Kapitalmarktinstrument. Das Dilemma entsteht aus der Mischung von zu großem Hebel (Leverage) und Haftungsminimierung bzw. -freistellung durch „Too Big to Fail“. Die Kreditschöpfung und der Zins darauf müssen wieder auf ein natürliches Maß zurückgestutzt werden.

Fazit und Ausblick

Der Zins ist ein Marktphänomen. In einer Marktwirtschaft sind Preise, Löhne und Zinsen das Regulativ – oder sollten es zumindest sein. In der Realität animiert der politisch gedrückte Zins weltweit zur ungehemmten Kreditschöpfung. Das unabwendbare Ende des billigen Geldes durch exzessive Kreditschöpfung ist eine harte Landung.

Die (Guthaben-)Zinsen sind vor allem für Marktteilnehmer außerhalb des Bankensystems  auf einem historischen Tiefststand und werden es – ohne exogene Schocks – auch bleiben. Mit der weltweiten Niedrigzinspolitik, dem Quantitative Easing in allen Variationen fluten die Zentralbanken seit geraumer Zeit weltweit das Bankensystem. Das gegenwärtige Geldsystem soll mit billigem Geld erhalten werden. In der Zwischenzeit gibt es sogar schon Strafzinsen für Geschäftsbanken bei Zentralbanken. Ein Phänomen, das sich weiter bis zu den Bankkunden durchfressen wird. Sparer werden in Zukunft ihr Geld gegen Kosten hinterlegen dürfen bzw. müssen. Im Bereich der Realzinsen ist dies in vielen Ländern ja schon seit Jahren der Fall. Die neueste Erscheinung ist jedoch, dass es für Wirtschaftssubjekte außerhalb des Bankensektors auch keine Nominalzinsen mehr gibt. Für diese hat sich die Diskussion über die Abschaffung des Zinses schon erledigt – zumindest für deren Guthaben.